Die Zeitschrift des Forums Biodiversität widmet sich aktuellen Themen rund um die Biodiversität, welche Forschende und Fachleute aus Verwaltung und Praxis beleuchten. Zweimal jährlich erscheint eine neue Ausgabe in Deutsch und Französisch.

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Ein Blick in die Seen - Zustand und Handlungsbedarf

Die Ökosysteme in und an den Seen sind stark unter Druck – insbesondere infolge früherer Überdüngung, Veränderungen aufgrund des Klimawandels sowie gebietsfremder invasiver Arten. Eine der Massnahmen des Aktionsplans Biodiversität (Phase II) hat zum Ziel, bis 2030 den Handlungsbedarf für die grössten Seen aufzuzeigen, um ihre einzigartige Biodiversität zu stärken und zu schützen.

VON YAEL SCHINDLER WILDHABER

Die Lebensräume in und an Seen gelten als Hotspots der Biodiversität. Dazu gehören die Freiwasserzonen der Seen ebenso wie die Seeufer, die Deltas und Mündungen sowie die Zuflüsse. Die nach der letzten Eiszeit entstandenen Schweizer Seen beherbergen überdurchschnittlich viele endemische Fischarten - Arten also, die weltweit nur hier vorkommen. Klimaresiliente Seen mit einer standorttypischen Biodiversität bilden auch die Grundlage für Nutzungen wie Erholung und Tourismus, Fischerei, Bewässerung und Trinkwasserversorgung. Die Lebensräume in und an den Seen sind jedoch stark unter Druck.

Vom Menschen geprägte Lebensgemeinschaften
Sauerstoffmangel in Folge hoher Nährstoffbelastung hat im letzten Jahrhundert zum Verlust eines Drittels der endemischen Fischvielfalt geführt, insbesondere von tiefenangepassten Felchenarten. Über ein Drittel der grösseren Schweizer Seen weist im Tiefenwasser zeitweise auch heute noch zu wenig Sauerstoff auf (Abb. 1). Diese Seen erfüllen damit die gesetzlichen Sauerstoffanforderungen zumindest teilweise nicht. Hauptverantwortlich dafür ist die zu hohe Belastung der Seen mit Phosphor, auch wenn die Einträge im Vergleich zu den 1970er-Jahren abgenommen haben. Der Klimawandel verschärft die Problematik: Höhere Wassertemperaturen beeinträchtigen die natürliche Durchmischung der Seen, wodurch weniger Sauerstoff in die tieferen Zonen gelangt.

Abb. 1: 39 % der 26 grössten Schweizer Seen erfüllen die gesetzliche Anforderung von mindestens 4 mg/l Sauerstoff nicht oder nur dank künstlicher Belüftung. In 15 % der Seen ist unklar, ob die tiefen Sauerstoffkonzentrationen natürlichen Verhältnissen entsprechen. Daten: Umfrage bei den kantonalen Fachstellen. Das Foto zeigt die Unterwasserwelt im Murtensee.
Abb. 1: 39 % der 26 grössten Schweizer Seen erfüllen die gesetzliche Anforderung von mindestens 4 mg/l Sauerstoff nicht oder nur dank künstlicher Belüftung. In 15 % der Seen ist unklar, ob die tiefen Sauerstoffkonzentrationen natürlichen Verhältnissen entsprechen. Daten: Umfrage bei den kantonalen Fachstellen. Das Foto zeigt die Unterwasserwelt im Murtensee.Image: Michel Roggo
Abb. 1: 39 % der 26 grössten Schweizer Seen erfüllen die gesetzliche Anforderung von mindestens 4 mg/l Sauerstoff nicht oder nur dank künstlicher Belüftung. In 15 % der Seen ist unklar, ob die tiefen Sauerstoffkonzentrationen natürlichen Verhältnissen entsprechen. Daten: Umfrage bei den kantonalen Fachstellen. Das Foto zeigt die Unterwasserwelt im Murtensee.
Abb. 1: 39 % der 26 grössten Schweizer Seen erfüllen die gesetzliche Anforderung von mindestens 4 mg/l Sauerstoff nicht oder nur dank künstlicher Belüftung. In 15 % der Seen ist unklar, ob die tiefen Sauerstoffkonzentrationen natürlichen Verhältnissen entsprechen. Daten: Umfrage bei den kantonalen Fachstellen. Das Foto zeigt die Unterwasserwelt im Murtensee.Image: Michel Roggo

Viele Uferbereiche der grossen Schweizer Seen sind zudem durch harte Verbauungen, Hafenanlagen, Schutzmauern oder Infrastruktur stark verändert. Knapp zwei Drittel der Seeufer gelten als ökomorphologisch beeinträchtigt, was die Entwicklung artenreicher Lebensräume erheblich einschränkt (Abb. 2). Naturnahe Uferbereiche sind besonders wertvolle Fortpflanzungsgebiete und Lebensräume für Fische, Amphibien, Wasservögel und andere Arten.

Problematisch für die Schweizer Seen sind auch gebietsfremde invasive Arten (Abb. 3). Vor allem die gebietsfremde Quaggamuschel breitet sich schnell aus und besiedelt mittlerweile einen Grossteil der Mittelland- und Voralpenseen. Sie verändert Ökosysteme, befällt Infrastrukturanlagen und verursacht Kosten in der Höhe von Hunderten von Millionen Franken. Das grösste Problem ist dabei die Verstopfung von Rohren von Wasserversorgungen oder Kühlwassersystemen. Besonders wichtig ist daher, die noch nicht betroffenen Seen vor einer Invasion zu schützen.

Biodiverse und klimaresistente Seen
Der Handlungsbedarf ist gross, um die Biodiversität und Widerstandskraft der Schweizer Seen zu sichern. Im Rahmen der zweiten Phase des Aktionsplans Biodiversität erarbeitet das BAFU deshalb zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Experten der kantonalen Verwaltungen den Handlungsbedarf für die 25 grössten Seen und die wichtigsten Typen von Kleinseen. Der Fokus liegt auf vier eng verknüpften Bereichen: Wasserqualität, Monitoring, Revitalisierung und Fischerei. Ziel ist es, wissenschaftlich fundierte und praxisnahe Grundlagen zu schaffen, die die einzigartige Biodiversität der Seen stärken.

Untersucht wird unter anderem, welche Wasserqualität notwendig ist, um die Biodiversität und die Klimaresilienz langfristig zu sichern. Für 25 Seen werden Phosphor-Zielwerte definiert, die gewährleisten, dass die gesetzlichen Anforderungen an den Sauerstoffgehalt auch bei fortschreitender Erwärmung eingehalten werden können.

Abb. 2: Rund 60 % der Ufer sind in einem ungenügenden ökomorphologischen Zustand. Zum Vergleich: Ca. 25 % der Gesamtlänge der Schweizer Fliessgewässer sind verbaut oder verlaufen unterirdisch.
Abb. 2: Rund 60 % der Ufer sind in einem ungenügenden ökomorphologischen Zustand. Zum Vergleich: Ca. 25 % der Gesamtlänge der Schweizer Fliessgewässer sind verbaut oder verlaufen unterirdisch.Image: Strategische Planung Uferrevitalisierung der Kantone
Abb. 2: Rund 60 % der Ufer sind in einem ungenügenden ökomorphologischen Zustand. Zum Vergleich: Ca. 25 % der Gesamtlänge der Schweizer Fliessgewässer sind verbaut oder verlaufen unterirdisch.
Abb. 2: Rund 60 % der Ufer sind in einem ungenügenden ökomorphologischen Zustand. Zum Vergleich: Ca. 25 % der Gesamtlänge der Schweizer Fliessgewässer sind verbaut oder verlaufen unterirdisch.Image: Strategische Planung Uferrevitalisierung der Kantone

Parallel dazu wird definiert, welche chemischen und biologischen Untersuchungen wie und in welcher Häufigkeit durchgeführt werden müssen, um rechtzeitig - trotz sich schnell ändernder Bedingungen - den Handlungsbedarf für geeignete Massnahmen zu erkennen, und deren Wirkung zu überprüfen. Wo immer möglich soll auf die aufwendige Erarbeitung neuer Methoden verzichtet werden; stattdessen gilt es, erprobte Verfahren aus dem Ausland, von einzelnen Kantonen oder aus Forschungsprojekten so aufzubereiten, dass sie schweizweit anwendbar sind. Auch die Erkenntnisse des aktuell laufenden Projekts «Biodiversität und Ökosystemleistungen der Schweizer Seen», das Teil des Nationalen Forschungsprogramms NFP 82 ist, werden einfliessen. Ergänzend werden Verbreitungskarten für prioritäre Fisch- und Krebsarten sowie deren Lebensstadien erstellt, die als Grundlage für Massnahmen wie Seeuferrevitalisierungen dienen.

Eine naturnahe, artenreiche Fischgemeinschaft geht oft mit stabileren Fischereierträgen einher. Um eine nachhaltige Nutzung zu ermöglichen, werden Fischereimodelle entwickelt, die die Situation der Fischbestände und sich ändernde Umweltbedingungen berücksichtigen. Um Uferrevitalisierungen möglichst zielgerichtet durchzuführen, werden erfolgreiche Revitalisierungen dokumentiert. Zudem werden Schlüsselindikatoren für eine standardisierte Bewertung der durchgeführten Revitalisierungen erarbeitet. So lassen sich Massnahmen gezielt anpassen und optimieren.

Alle Arbeiten berücksichtigen bestehende Aktivitäten von Bund und Kantonen sowie Erfahrungen aus der Praxis. Ein enger Austausch mit Akteurinnen und Akteuren aus der Praxis und weiteren Stakeholdern soll sicherstellen, dass die Ergebnisse relevant, praxisnah und vollzugstauglich sind.

Abb. 3: Unterwasserwelt Thunersee mit Eglis. Im Vordergrund die Zebramuschel, eine gebietsfremde invasive Muschelart. Die einzigartige Biodiversität der Seen soll künftig besser geschützt und gestärkt werden.
Abb. 3: Unterwasserwelt Thunersee mit Eglis. Im Vordergrund die Zebramuschel, eine gebietsfremde invasive Muschelart. Die einzigartige Biodiversität der Seen soll künftig besser geschützt und gestärkt werden.Image: Michel Roggo
Abb. 3: Unterwasserwelt Thunersee mit Eglis. Im Vordergrund die Zebramuschel, eine gebietsfremde invasive Muschelart. Die einzigartige Biodiversität der Seen soll künftig besser geschützt und gestärkt werden.
Abb. 3: Unterwasserwelt Thunersee mit Eglis. Im Vordergrund die Zebramuschel, eine gebietsfremde invasive Muschelart. Die einzigartige Biodiversität der Seen soll künftig besser geschützt und gestärkt werden.Image: Michel Roggo

Yael Schindler Wildhaber ist Umweltgeowissenschaftlerin und stellvertretende Sektionschefin der Sektion Wasserqualität beim BAFU.

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