Fische als Bioindikatoren zeigen Zustand unserer Gewässer
Fische eignen sich als besonders aussagekräftige Bioindikatoren für den Zustand der Gewässer. Aktuelle Erhebungen mit verbesserten Methoden zeigen, dass die Fischbestände in rund drei Vierteln der untersuchten Schweizer Fliessgewässer einen ungenügenden ökologischen Zustand anzeigen – ein klarer Hinweis darauf, dass deutlich mehr für unsere Gewässer getan werden muss.
VON PASCAL VONLANTHEN UND NICOLAS ACHERMANN

Ein guter Bioindikator sollte Informationen über den Zustand eines Ökosystems liefern, negative Einflüsse des Menschen aufdecken, zeitliche Entwicklungen abbilden und bei Gewässerschutzmassnahmen zur Erfolgskontrolle dienen können, beispielsweise nach Revitalisierungen. Die Fischgemeinschaft eines Gewässers stellt erwiesenermassen einen hervorragenden Bioindikator dar. Sie gilt dabei als integrierender Indikator, da sie den Effekt unterschiedlicher Umwelteinflüsse widerspiegelt.
Verbesserte Methode
Fische sind langlebig und akkumulieren deshalb Effekte über einen langen Zeitraum. Sie nutzen infolge von Anpassungen an unterschiedliche Nahrungsnischen ein grosses trophisches Spektrum. Die Arten haben zudem unterschiedliche Ansprüche an die Wasserqualität, und nicht zuletzt variieren die Lebensraumansprüche zwischen den verschiedenen Arten, den verschiedenen Altersstadien innerhalb einer Art, nach Tageszeit (Tag/Nacht) und im Jahresverlauf. Wir wissen heute viel über die Ansprüche der verschiedenen Fischarten und können sie deshalb effizient als Indikatoren für den Zustand der Gewässer verwenden.
Fische dienen in der Schweiz und weltweit schon seit Jahrzehnten als Indikator zur Beurteilung des Gewässerzustands. Bereits 2004 wurde in der Schweiz dazu im Rahmen des Modul-Stufen-Konzepts eine Methode veröffentlicht. Diese bedurfte nach 20-jährigem Gebrauch allerdings einiger Anpassungen.
Mit Hilfe eines Datensatzes von über 1300 quantitativen Befischungen, die im Verlauf der letzten 40 Jahre in der Schweiz durchgeführt und nun erstmals zusammengestellt und in der Datenbank von info fauna abgelegt wurden, konnte das Bewertungssystem 2024 optimiert werden.
Auch das Vorgehen bei der Erhebung erfuhr Anpassungen, und es bedarf nun einer quantitativen elektrischen Befischung. Bei einer solchen Befischung wird ein abgesperrter Gewässerabschnitt in mehreren Durchgängen abgefischt, womit sich für jede Fischart die Anzahl, die Biomasse und die Längenzusammensetzung ermitteln lässt. Die gefangenen und vermessenen Fische werden nach der Befischung alle wieder freigelassen.
Die erste flächendeckende Anwendung im Rahmen von NAWA zeigte, dass die neue Methode anwenderfreundlich ist und an allen Gewässern erfolgreich eingesetzt werden kann. Expertinnen und Experten haben die Ergebnisse als sinnvoll und nachvollziehbar eingeschätzt. Eine Analyse mit Umweltfaktoren zeigte zudem, dass die Gesamtbewertung mit menschlichen Einflüssen im Einzugsgebiet zusammenhängt.
Diese neue Methode wird nun in Zukunft sowohl für langfristige Monitorings von Fischbeständen als auch für die Erfolgskontrolle von Revitalisierungen und im Rahmen von Wirkungskontrollen bei der Sanierung von Wasserkraftwerken eingesetzt. Einzig in grossen Fliessgewässern und in Seen kann die Methode nicht angewendet werden, da diese wegen zu hohen Wassertiefen nicht quantitativ befischt werden können.
Zustand ungenügend
Wir wissen heute dank solcher Methoden, dass gerade in der Schweiz besonders viele Fischarten stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht sind (Abb. 1). Die Bedrohung auf nationaler Ebene sagt allerdings nur bedingt etwas darüber aus, in welchem ökologischen Zustand einzelne Gewässer sind und wie stark dieser vom naturnahen Zustand abweicht. Die Aufnahmen von NAWA zeigen nun, dass rund drei Viertel der untersuchten Gewässerstrecken einen ungenügenden ökologischen Zustand hinsichtlich des Fischbestands aufweisen. Es
besteht vielerorts ein deutliches Defizit in der Individuendichte und der Biomasse von standorttypischen Fischarten. In rund der Hälfte der Gewässer fehlt ein substanzieller Teil der Arten, die im naturnahen Zustand vorkommen sollten. Schliesslich weist auch die Alterszusammensetzung der vorhandenen Fischarten in knapp zwei Dritteln der Gewässer deutliche Defizite auf.
Die Entwicklung zwischen 2012 und 2023 zeigt eine sehr geringe Verbesserung des Zustands der Gewässer - und dies auf einem bedenklich tiefen Niveau. Dabei hat sich insbesondere der Bestand von wenig empfindlichen Arten etwas erholt. Demgegenüber wurden sensible Arten, von denen viele im Sommer auf kühles Wasser angewiesen sind, seltener.

Mehr tun für unsere Gewässer
Der Gewässerzustand entspricht vielerorts nicht den gesetzlichen Mindestanforderungen. Es ist damit klar: Wir müssen mehr tun für unsere Gewässer und ihre Bewohner. Die Lösungsansätze sind bekannt.
Heute gibt es schweizweit kein einziges Fischschutzgebiet von nationaler Bedeutung, obwohl Fische besonders gefährdet sind. Die Wasserqualität muss verbessert, Gewässer müssen revitalisiert, die Gewässerdynamik (inkl. Geschiebe- und Schwemmholzdynamik) muss wiederhergestellt werden und die Gewässer brauchen viel mehr Raum. Auch aus hydrologischer Sicht braucht es Verbesserungen. Ein natürlicher Wasserrückhalt - wie er unter dem Stichwort Schwammland diskutiert wird - muss angepeilt und die negativen Auswirkungen
der Wasserkraft auf die Fischwanderung und die Hydrologie der Gewässer müssen deutlich reduziert werden.
Mit Gewässerrevitalisierungen und durch die Sanierung der Wasserkraft werden gewisse Themen heute ernsthafter angegangen als noch vor 20 Jahren. Und trotzdem fehlt meist der politische Wille weiterzugehen, obwohl dies dringend notwendig wäre. Ein Paradebeispiel lieferte in letzter Zeit der Bundesrat selbst. Entgegen allen Empfehlungen der Umweltfachleute werden beispielsweise immer noch problematische Pestizide zugelassen und somit der Gewässerschutz weiter geschwächt. Diese kurzfristige Sichtweise wird sich auf unsere Umwelt, speziell auf unsere Gewässer auswirken - und dies nicht in die gewünschte Richtung. Damit werden die Verbesserungen, die
an anderen Stellen erreicht wurden, gleich wieder zunichte gemacht.
Pascal Vonlanthen und Nicolas Achermann sind Gewässer- und Fischökologen. Vonlanthen ist Geschäftsführer des Ökobüros Aquabios GmbH in Cordast, Achermann leitet die Fischwerk GmbH in Luzern.
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Fokus dieser HOTSPOT-Ausgabe
- Editorial
- Ohne Monitoring tappen wir beim Gewässerschutz im Dunkeln
- Beobachten, verstehen, handeln: NAWA als Kompass für den Gewässerschutz
- Flüsse und Bäche revitalisieren - und daraus lernen!
- Gewässerdaten zeigen Defizite - Lösungen entstehen im Dialog
- Quell-Lebensräume im Jura: Inventar, Schutz und Revitalisierung
- Biodiversität im Grundwasser: Wertvoll, aber noch zu wenig beachtet
- Der Hallwilersee: ein Landschaftsjuwel als Langzeitpatient
- Die Grafik zur Biodiversität

