Die Zeitschrift des Forums Biodiversität widmet sich aktuellen Themen rund um die Biodiversität, welche Forschende und Fachleute aus Verwaltung und Praxis beleuchten. Zweimal jährlich erscheint eine neue Ausgabe in Deutsch und Französisch.

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Gewässerdaten zeigen Defizite - Lösungen entstehen im Dialog

Vera Leib ist Leiterin der Sektion Gewässerqualität beim Amt für Wasser und Energie des Kantons St. Gallen. Im Interview erklärt sie, warum Monitorings zentrale Grundlagen für einen wirksamen Gewässerschutz sind und weshalb Verbesserungen nur im Zusammenspiel von Daten, Dialog und langem Atem gelingen.

INTERVIEW: GREGOR KLAUS

HOTSPOT: Sie sind für die Gewässer im Kanton St. Gallen zuständig. Welcher Gewässertyp liegt Ihnen besonders am Herzen?
Bei uns im Rheintal und der Linth-Ebene gibt es viele kleine, verbaute und kanalisierte Fliessgewässer, die von den Menschen nicht als potenzielle Lebensräume, sondern als Wasserableitungen wahrgenommen werden. Man geht dann davon aus, dass in diesen Gewässern auch die Wasserqualität nicht so gut sein muss. Diese Gewässer wieder zum Leben zu erwecken, liegt mir sehr am Herzen.

Wie könnte das gelingen?
Mit sehr viel Zuwendung. Neben der oft unnatürlichen Struktur fehlt meist eine Beschattung, weshalb das Wasser häufig viel zu warm ist. Zudem liegen diese Gewässer fast immer inintensiv genutzten Gebieten, und die Wasserqualität ist oftmals mangelhaft. Neben den kleinen Bächen liegen mir übrigens auch die Seen besonders am Herzen, auch die kleineren, die nicht die gleiche Aufmerksamkeit erhalten, aber wichtige ökologische Funktionen erfüllen.

Um die Gewässer zu überwachen, braucht es Monitorings. Was ist besser: Die chemische oder die biologische Überwachung?
Chemische Monitorings haben einen sehr scharfen Blick, und das bringt Vorteile: Sie liefern exakte Angaben. Dennoch kann nicht alles analytisch erfasst werden - sei es, dass Stoffe bereits in extrem tiefen Konzentrationen toxisch wirken, oder dass nicht alle eingesetzten Substanzen überwacht werden können. Zudem wirken Stoffe nicht einzeln, sondern es können toxische Mischungseffekte auftreten. Biologische Monitorings hingegen geben Auskunft darüber, ob das Ökosystem funktioniert.

Was genau machen biologische Monitorings sichtbar, was chemische Messungen nicht erfassen?
Biologische Monitorings ermöglichen einen ganzheitlichen Blick auf Gewässer, etwa im Hinblick auf zu hohe Wassertemperaturen, mangelnde Lebensraumstrukturen oder Wasserqualität. Sie spiegeln zudem längerfristige Veränderungen wider, weil sie nicht nur den aktuellen Zustand, sondern auch Entwicklungen über vergangene Zeiträume erfassen. Gleichzeitig können Massnahmen wie etwa Revitalisierungen auf ihre Wirkung geprüft werden.

Chemische und biologische Überwachungen sind also kein Gegensatz?
Im Gegenteil. Bei chemischen und biologischen Überwachungen handelt es sich um zwei Perspektiven, die nicht bessermoder schlechter sind, sondern sich ergänzen.

Oft heisst es, biologische Monitorings seien teuer und aufwendig.
Auch wenn sie auf den ersten Blick kostenintensiv erscheinen, ist ihr Nutzen deutlich grösser als ihre Kosten. Viele Aussagen, die ein biologisches Monitoring liefert, sind mit anderen Methoden kaum möglich, etwa dank der umfassenden Aussagekraft von Fischgemeinschaften am oberen Ende des Nahrungsnetzes, von kleinen wirbellosen Wasserlebewesen oder von Wasserpflanzen und ihren Reaktionen auf vielfältige Einflüsse. Wir erhalten indirekt Informationen über eine stoffliche Belastung des Wassers oder Sediments, über Mischungstoxizität, über die Struktur der Gewässer oder über Wassertemperaturen, weil dies alles auf die Biologie einwirkt. Eine vergleichbare Aussage wäre mit anderen Methoden gar nicht machbar, weder hinsichtlich analytischer und technischer Möglichkeiten noch in Bezug auf vorhandene Ressourcen.

Reichen Monitoringdaten allein aus, um politisches Handeln auszulösen?
Rechtlich ist die Sache klar: Wird eine Anforderung nach Anhang 2 der Gewässerschutzverordnung nicht eingehalten, ist dies gemäss Artikel 47 der gleichen Verordnung ein Auslöser für ein behördliches Vorgehen - und zwar von der Ursachenfindung bis zur Definition von Massnahmen. Solche klar definierten Anforderungen sind wichtig, weil sie eine objektive Grundlage schaffen, auf der Behörden handeln können. Sie bilden gewissermassen die Brücke zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus dem Monitoring und konkreten Massnahmen zum Schutz der Gewässer. Neben numerischen Anforderungen gibt es auch eine generelle Schutzklausel: Stoffeinträge dürfen empfindliche Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen nicht beeinträchtigen. In der Praxis führen biologische Daten allein allerdings selten unmittelbar zu politischem oder behördlichem Handeln im Sinne von konkreten Anordnungen.

Wieso ist das so?
Die Feststellung biologischer Defizite ist ein wichtiger erster Schritt. Konkrete Massnahmen lassen sich jedoch erst umsetzen, wenn ein schlechter ökologischer Zustand einer bestimmten Ursache oder bestimmten Verursachern und Verursacherinnen zugeordnet werden kann. Genau das ist oft anspruchsvoll. Entlang der Gewässer gibt es zahlreiche potenzielle Einträge und sehr unterschiedliche Nutzungen. Viele Bäche sind zudem verbaut und unzureichend beschattet, zunehmend von Trockenperioden betroffen und zusätzlich durch invasive Arten belastet. All diese Faktoren überlagern sich und erschweren es, Ursachen eindeutig zu identifizieren.

Was bedeutet das für die Praxis?
Lässt sich die Belastung nicht eindeutig zuordnen, sind die Erfolgsaussichten vor Gericht gering. Entsprechend versuchen wir, Konflikte möglichst früh zu entschärfen. Wir versuchen bei einem nachgewiesenen Problemfall möglichst alle relevanten Akteurinnen und Akteure, die die Gewässerqualität beeinflussen, anzusprechen und ins Boot zu holen: Land- und Waldwirtschaft, Gemeinde, Wasserbau, Siedlungsentwässerung, Abwasserbewirtschaftung und viele mehr, je nach Lage und Situation. Alle sollten ihre Verantwortung wahrnehmen. Weil alle einen anderen Hebel haben, ist die Zusammenarbeit von grösster Bedeutung für die Gewässerorganismen und das ganze Ökosystem.

Gespräche und pragmatische Lösungen sind also Teil Ihrer Arbeit?
Die Bestimmung der Gewässerqualität ist der Kernauftrag unserer Abteilung. Genauso wichtig ist jedoch, dass diese Ergebnisse bei jenen Akteurinnen und Akteuren ankommen, die Massnahmen umsetzen können und tatsächlich etwas bewegen. Erst im Dialog mit ihnen entstehen letztlich naturnähere Gewässer. Dabei geht es ganz konkret darum, wer wo und wie Verbesserungen erreichen kann. Zudem bemühen wir uns, den Gewässerschutz stärker in der landwirtschaftlichen Ausbildung und Beratung zu verankern, und sind auch sonst regelmässig an Tagungen und Schulungen präsent. Oder wir machen Betreiber von Abwasserreinigungsanlagen darauf aufmerksam, wenn Hochwasserentlastungen zu häufig auftreten, und suchen gemeinsam nach Verbesserungsmöglichkeiten. Im Zentrum stehen dabei stets die kantonal erhobenen Felddaten: Sie machen Defizite sichtbar und schaffen gleichzeitig Betroffenheit, Sensibilisierung und die Motivation, sich aktiv an Lösungen zu beteiligen.

Vera Leib beim Beproben des Sickerkanals bei Diepoldsau (SG).
Vera Leib beim Beproben des Sickerkanals bei Diepoldsau (SG).Image: Markus Forte, Ex-Press/BAFU
Vera Leib beim Beproben des Sickerkanals bei Diepoldsau (SG).
Vera Leib beim Beproben des Sickerkanals bei Diepoldsau (SG).Image: Markus Forte, Ex-Press/BAFU

Es braucht also vor allem einen sehr langen Atem.
Man hofft immer, dass Massnahmen bereits im nächsten Jahr Wirkung zeigen. In der Realität dauert es jedoch Jahre, meist sogar Jahrzehnte, bis sich eine messbare Verbesserung einstellt. Unsere Daten zeigen aber, dass sich das Dranbleiben und die Summe der Massnahmen lohnt. So lassen sich beispielsweise deutliche Verbesserungen der chemischen Wasserqualität nach dem Ausbau der vierten Reinigungsstufe bei Abwasserreinigungsanlagen nachweisen. Das wirkt sich dann wiederum positiv auf die Biodiversität aus.

Wie wichtig ist der Austausch zwischen Bund, Kanton, Gemeinden und Forschungseinrichtungen?
Er ist von zentraler Bedeutung, da das Wirkungsfeld jeder einzelnen Ebene für sich allein begrenzt ist. Eine wirksame Umsetzung im Gewässerschutz gelingt nur im Zusammenspiel aller Beteiligten, wobei jede Ebene an einem anderen Hebel ansetzen kann. Eine besondere Stärke des Schweizer Systems liegt in den kurzen Wegen und den klaren Zuständigkeiten. Der Austausch mit dem Bund und mit den Nachbarkantonen ist eng, gut etabliert und fachlich sehr konstruktiv. Gleichzeitig kommt den Gemeinden eine Schlüsselrolle zu, da viele Massnahmen letztlich auf lokaler Ebene umgesetzt werden. Ihre Nähe zur Praxis und zu den lokalen Gegebenheiten ist für den Erfolg zentral.

Monitorings sind politisch nicht immer willkommen. Wie gehen Sie mit diesem Spannungsfeld um?
Es ist Teil unseres gesetzlichen Auftrags, sachlich und transparent darzustellen, wo aufgrund der Daten Defizite und somit Handlungsbedarf besteht. Wir tun dies unabhängig davon, ob die Ergebnisse politisch einfach oder herausfordernd sind.

Es gibt allerdings im Parlament Vorstösse, die nationale Monitorings in Frage stellen. Was würden Sie den skeptischen Personen antworten?
Qualitativ hochwertige Monitorings sind ein zentrales Instrument, um den Zustand von Gewässern, Lebensräumen und Arten zu beurteilen. Nur so können wir Veränderungen frühzeitig erkennen und Massnahmen zielgerichtet und wirksam planen. Wenn diese Grundlagen geschwächt würden, hätte dies Auswirkungen auf die Qualität der Entscheidungsgrundlagen, die Bund, Kantone und Gemeinden für den Gewässerschutz, den Umweltschutz und schlussendlich auch zum Schutz der Bevölkerung benötigen.

Wie kann man den Wert von Monitorings noch besser kommunizieren?
Eine gute Kommunikation von biologischen Monitoringdaten hilft meiner Erfahrung nach sehr bei der Sensibilisierung. Sie kann ein echter Türöffner sein! Wichtig ist, Ergebnisse verständlich aufzubereiten, Betroffenheit zu erzeugen - etwa durch lokale Beispiele - und die Wirkung erfolgreicher Massnahmen aufzuzeigen. Wenn sichtbar wird, dass Monitoring nicht Selbstzweck ist, sondern Grundlage für wirksamen Gewässerschutz und langfristige Kosteneinsparungen, steigt auch die gesellschaftliche und politische Akzeptanz.

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Beteiligten in den letzten Jahren entwickelt?
Sehr gut! Besonders freut mich, dass sich die Zusammenarbeit zwischen der landwirtschaftlichen Beratung und dem Gewässerschutz im Kanton St. Gallen verbessert hat. Und auch mit den Gemeinden sind wir im regelmässigen Austausch. Hier findet der Gewässerschutz in der Praxis statt: Die Gemeinden setzen vor Ort konkrete Massnahmen um. Mit unseren Daten können wir diese Arbeit wirkungsvoll unterstützen und wesentlich zur Sensibilisierung beitragen. Wer die Wichtigkeit versteht, den Bedarf sieht und seine eigenen Handlungsmöglichkeiten erkennt, wird einen Beitrag zum Gewässerschutz leisten.

Gibt es innovative Ansätze oder neue Technologien, die das Monitoring vereinfachen oder verbessern könnten?
Auch im Gewässerschutz entwickeln sich Methoden und Technologien kontinuierlich weiter. Ansätze wie Umwelt-DNA (eDNA) ermöglichen heute den Nachweis von Arten, die mit klassischen Methoden nur schwer oder gar nicht erfassbar sind. Dadurch lassen sich zusätzliche Informationen zur Biodiversität gewinnen oder invasive Arten frühzeitig erkennen. Digitale Werkzeuge wie automatisierte Datenauswertung oder KI-gestützte Mustererkennung können bei der Interpretation und Verknüpfung helfen. Diese Entwicklungen besitzen Potenzial, setzen jedoch eine sorgfältige und differenzierte Anwendung voraus.

Welche Einschränkungen sehen Sie?
Der Nutzen neuer Methoden wie eDNA ist unbestritten und für bestimmte Fragestellungen sehr hoch. Insbesondere für den Nachweis seltener oder invasiver Arten sowie für ergänzende biodiversitätsbezogene Fragestellungen eröffnet eDNA neue Möglichkeiten. Für die behördliche Beurteilung der Gewässerqualität im Sinne des Gewässerschutzrechts bestehen derzeit jedoch noch teilweise offene Fragen. eDNA erlaubt zwar den Nachweis, dass Arten im Einzugsgebiet vorkommen; die räumliche Zuordnung des Nachweises ist jedoch nicht einfach. Für die standortbezogene Bewertung der Gewässerqualität, bei der es darauf ankommt, dass Belastungen und Ursachen klar
zugeordnet werden können, ist diese räumliche Unschärfe bislang eine zentrale Einschränkung. Hinzu kommt, dass Methoden und Auswertungsstandards weiter wissenschaftlich validiert werden müssen, bevor sie in den behördlichen Routinevollzug integriert werden können.

Unabhängig von technologischen Entwicklungen bleibt die fachliche Artenkenntnis also unverzichtbar?
Unbedingt! Klassische biologische Erhebungen liefern nach wie vor die entscheidenden Informationen zur ökologischen Funktion und zum Zustand eines Gewässers. Die abnehmende Zahl von Fachpersonen mit vertieften Kenntnissen, beispielsweise bei Kieselalgen oder Wasserpflanzen, stellt deshalb ein zunehmendes Risiko für ein belastbares Monitoring dar. Neue Technologien können diese Expertise sinnvoll ergänzen, sie aber nicht ersetzen.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten für die Zukunft des Gewässerschutzes in der Schweiz – welche wären das?
Ich wünsche mir vor allem mehr Akzeptanz. Dringend notwendige Gewässerschutzmassnahmen müssen besser verstanden, anerkannt und aktiv mitgetragen werden - auch wenn es etwas kostet. Es wäre schön, wenn man mehr miteinander als übereinander sprechen würde. Mehr Ressourcen wären auch nötig, denn intakte Gewässer nützen letztlich auch uns Menschen. Investitionen in eine intakte Umwelt sind Investitionen in die Zukunft unserer Kinder und deren Kinder. Ein weiterer Wunsch betrifft die beteiligten Fachpersonen: Ich hoffe, dass wir auch in Zukunft so viele kompetente und motivierte Menschen haben, die sich für den Gewässerschutz einsetzen.

Das Interview wurde teilweise schriftlich geführt.


Vera Leib ist Biologin und Psychologin und leitet die Sektion Gewässerqualität beim Amt für Wasser und Energie.

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